Von Golzow bis Hellersdorf

Das Erzählcafé im Stadtteilbüro des Quartiersmanagements lockt jeden ersten Dienstag im Monat interessierte Besucherinnen und Besucher an, am 7. November aber waren es besonders viele. Hoher Besuch hatte sich angemeldet – die Regisseure Barbara und Winfried Junge. Herr Junge hat mehr als 50 Dokumentarfilme für Film und Fernsehen gemacht und als Regisseur 1967 den Kinderfilm „Der tapfere Schulschwänzer“ gedreht. Aber weltweit bekannt sind die beiden für die bislang längste Dokumentation der Filmgeschichte – „Die Kinder von Golzow“, in der sie den Weg einer Schulklasse aus dem Oderbruch verfolgten, von 1961 bis 2007. Teile der Dokumentation waren im Erzählcafé Grundlage für anregende Gespräche über Gott und die Welt, Kindheit und Jugend, Familie und Beruf und mehr.

Anne Haedke, die die Idee zum Erzählcafé hatte, begrüßte die Gäste.

Zum Auftakt gab es wieder ein Stück aus dem Film, dieses Mal   über Elke, eine der Protagonistinnen. Erinnerungen wurden wach: Wie war das damals, als man sich für einen Beruf entscheiden musste? Und dann die Hochzeit, ach ja…

Ein Ausschnitt aus dem Film über Elke.

Noch spannender war jedoch die anschließende Gesprächsrunde, wo man Barbara und Winfried Junge  Löcher in den Bauch fragen konnte. Hatten Sie zu Beginn geahnt, dass aus einem Film in den nächsten vierzig Jahren so viele hinzukommen würden? „Nee, natürlich nicht“, erinnert sich Winfried Junge lachend, „ich war 26, es war mein erster eigener Film. Ich habe versucht, Menschen zu erkunden und das auch zu zeigen. Weitermachen war ja auch ein Risiko, wir wussten ja nicht, wie sie sich entwickeln würden. Schließlich sollten die Kinder auch damit leben können, was wir gezeigt haben. So mancher hat da aus dem Nähkästchen geplaudert. Und wir haben dann auch gesehen, dass nicht alle weiter mitmachen wollten. Für viele war dann die Wende ein Bruch, wie für uns ja auch.“

Barbara und Winfried Junge erzählten, wie die Langzeitdokumentation entstand.

Daraus ergab sich wieder eine rege Diskussion. Wie sieht bei jedem die eigene Lebensbilanz aus? Wie wurde die untergegangene DDR erlebt? Einige zogen eine positive Bilanz, andere hatten weniger gute Erinnerungen. War unser Leben falsch? Nein, da waren sich die Anwesenden einig, jeder hat versucht, etwas aus seinem Leben zu machen, so wie die Kinder aus Golzow.

Das Publikum diskutierte engagiert mit.

Interessiert wurden die Fotos vom Filmdreh betrachtet.

Die Junges zeigten ihre beiden Bücher, die sie dazu geschrieben hatten, und es wurde ausgiebig darin geblättert. Auch die Fotos von den Dreharbeiten wanderten durch die Sitzreihen. Alle Filme der Reihe gibt es inzwischen auch auf DVD.

Für die Gäste gab es auch ein kleines, persönliches Geschenk.

Für die beiden  gab es am Schluss herzlichen Applaus, Blumen, Wein und ein kleines Präsent. Und sie nahmen sich noch Zeit und beantworteten geduldig die eine oder andere Frage.
RF